Beirat    Kunst    PÄdagogik    Architektur    Weblog

Arm oder Reich?

Die andere Seite

Erste Blicke auf „Die andere Seite“

Jabin erklärt seine Idee. 25.11.2020

„Was wäre gut, dass es da wäre? So, dass ihr dort wohnen wollen würdet?“ fragt Ute Reeh am Mittwoch, 25.11.2020 Pascal, Laura, Jabin und Eric. Zusammen mit ihrer Lehrerin Lena Klein-Wiele sitzen wir mit ausreichend Abstand auf der Plattform Wiesencafé am Wittenberger Weg und blicken auf die andere Seite der Straße. Dort wurde im Zuge von Out-Sourcing-Prozessen das ehemalige Nirosta Stahlwerk von Thyssen Krupp stillgelegt. Das Gelände steht nun zur Planung und ist gegenwärtig in den Händen eines Investors. Vor dem Hintergrund der Frage danach, wer ist eigentlich arm und was reich ist, soll das Gelände nun von der vermeintlich „armen Seite“ aus geplant und werden und damit der Reichtum der Garather Seite sichtbar werden.
„Die andere Seite“ ist also nicht nur ganz bildlich die andere Seite der Straße, sondern ebenso steht der Arbeitstitel für die Begegnung mit dem Anderen, dem vermeintlich „Fremden“ oder Differenten irgendwo zwischen Düsseldorf-Garath und Benrath. Es ist der Versuch innovative Planungen hervorzubringen, indem menschliche Anliegen und Wünsche ernst genommen werden, die Akzeptanz und Identifikation der Menschen für und mit dem zu bebauenden Gelände zu stärken und so eine gemeinsame Zukunft zu entwerfen.
Wir schließen die Augen und stellen uns vor, was dort sein könnte; erst wenn uns etwas eingefallen ist öffnen wir die Augen wieder und stellen unsere Ideen in der Runde vor: Eine Lasertag-Halle, ein Trampolin, ein Kino, ein Mercedes-Autohaus, ein Football-Feld mit Sportverein, ein Schwimmbad und ein Wasserpark, eine Shopping-Mall, Geschäfte, ein kleiner Teich, generell „alles was wir vorschlagen“, ein 7-Sterne-Hotel, ein McDonalds, ein Dönerladen und ein anderes Geschäft, die „Miete soll billig sein!“, Parkmöglichkeiten, guter Internetempfang, ein Schuhgeschäft, viele Bäume und ein Apple-Store, es soll Möglichkeiten geben etwas draußen zu machen, WLAN auf der Straße und Sitzgelegenheiten, viele kleine Läden, Bars und Cafés, eine Kletterhalle, oder besser einen echten, großen Fels, einen See und ein bisschen nackte Industriebauten für Veranstaltungen, ein Amphi-Theater. Schnell beginnt ein Hin-und-Her zwischen einigen der Kinder, bei dem immer neue Ideen entstehen und an Form gewinnen.
Dann wird allen ein Stück Knete in die Hand gegeben. Die Knete und die Hände sind so kalt, dass das Material bricht, sich kaum biegen und kontrollieren lässt. Es entstehen auf diese Weise ganz unvorhersehbare Formen; Sitzskulpturen und Theater, Einkaufszentren und Imbisse; irgendwo zwischen Absicht und Zufall. Während man den anderen erklärt was es ist, wird es einem auch selbst klarer. Wir sagen dann, der Runde nach, was uns an den Ideen der Anderen gefällt – so fällt es schnell leicht die guten Eigenschaften unserer Idee auch selbst zu erkennen und selbstbewusster darzustellen. Schnell entsteht eine persönliche Bindung zu der gekneteten Repräsentation einer zukünftigen Architektur auf der anderen Seite der Straße.
Wir gehen dann an einen Tisch, auf dem eine Karte des gegenüberliegenden Geländes ausgebreitet ist. Dort werden die gekneteten Objekte gemeinsam positioniert und beschriftet. Es fällt auf, wie Ideen im Prozess des Knetens und Verortens in gemeinsamen Gesprächen an Form gewinnen. Wir stellen dabei fest, dass es gut wäre ein VR-Modell zu erstellen, in dem man die gekneteten Skulpturen quasi „in echt“ auf dem Gelände sehen kann.

Seit November 2019 besteht eine Zusammenarbeit mit einem Seminar von Christoph Schmidt an der Hochschule Düsseldorf. Wir arbeiteten als "Städtebau von Innen" zu neuen Nachbarschaften am Wittenberger Weg. Damals waren die Kinder Botschafter:innen ihrer Ideen.
Aus Coronagründen sind dieses Mal Fabian Laute und Ute Reeh im Seminar und stellen die Ergebnisse den Architekturstudent:Innen der PBSA in ihrem Online-Seminar vor. Sie beschäftigen sich mit der Struktur und Arbeitsteilung von Stadtplanungsprozessen am Beispiel des Benrather Geländes.
In diesem Zusammenhang werden auch die Methoden Ute Reehs vor dem Hintergrund partizipativer und ergebnisoffener Ideenentwicklung vorgestellt. Fabian Laute gibt ergänzend einen ersten Eindruck des (auto-)ethnographischen Arbeitens mit den beteiligten Kindern. Anhand der Idee einer Seilbahn für das Benrather Gelände, der Idee von Joel, beobachten wir gemeinsam eine Umkehrung der planerischen Vogelperspektive, eine Art Demokratisierung des Blicks von oben – „Die andere Seite“.
FL